Leseprobe
»Keine Kraft von außen, keine Macht und kein böser Wille werden dich zu einem Wolf machen können, so lange du diese Liebe bewahrst.«
(Daniel zu Grace)
Kapitel 1 - Der Himmel stürzt ein
Donnerstagnacht, Übung 82
»Du kannst es, Grace«, stieß Daniel unter heftigen Atemzügen hervor. »Du weißt doch, dass du es kannst.«
»Ich versuch’s ja.« Meine Hände zitterten, als ich sie zu Fäusten ballte.
Die Schmerzen der Verwandlung überraschten mich immer wieder – egal, wie vorbereitet ich mich auch glaubte. Es begann mit einem brennenden Gefühl tief in meinem Körper. Meine Muskeln zogen sich zusammen, meine Schultern erbebten und meine Beine zitterten. Mein Bizeps schien in Flammen zu stehen.
»Los, Grace. Lass mich jetzt nicht im Stich.«
»Halt die Klappe!«, gab ich zurück und versuchte einen weiteren Schwinger.
Daniel lachte und wich nach links aus. Mein Schlag verfehlte seinen Boxhandschuh völlig.
»Aarrr!« Ich stolperte vorwärts, doch Daniel fing mich auf, bevor ich hinfiel, und stieß mich zurück. Ich fletschte die Zähne und schwankte auf den Fersen rückwärts über den Rasen. Ich sollte doch viel beweglicher sein. »Hör auf, so herumzuspringen.«
»Dein Gegner«, keuchte Daniel, »wird nicht einfach nur dastehen und sich von dir schlagen lassen.« Er hielt seine Boxhandschuhe auf Gesichtshöhe und wartete auf einen neuen Angriff.
»Wäre aber besser für ihn.« Mit einer Kombination aus Haken und Gerader sprang ich nach vorn, doch Daniel fälschte meine Versuche mit seinen Handschuhen ab. Er wirbelte herum, und mein nächster Stoß ging ungebremst ins Leere.
»Gah.« Ich schüttelte den Kopf. Mein Mondsteinanhänger schlug mir vor die Brust. Er fühlte sich auf meiner bereits geröteten Haut ganz warm an und pulsierte vor Hitze.
»Deine Schläge sind viel zu intensiv. Spar dir die Energie. Kurze Stöße. Lass deinen Arm nach vorn schnappen und zieh ihn gleich wieder zurück.«
»Ich versuch’s doch.« Der Schmerz in meinen Muskeln wurde stärker. Doch nicht vor Müdigkeit. Es waren meine Kräfte. Meine ›Fähigkeiten‹, wie Daniel sie nannte. Wann immer wir trainierten, lagen sie vor mir bereit – doch gerade eben außer Reichweite. Wenn ich nur die Feuerwand zwischen ihnen und mir durchdringen könnte, wäre es mir möglich, meine Kräfte zu fassen und sie anzuwenden. Sie zu besitzen.
Ich zuckte zusammen, als die halbmondförmige Narbe auf meinem Arm pochend aufflackerte. Ich ließ meinen Arm sinken und versuchte den Schmerz abzuschütteln.
»Arme hoch«, sagte Daniel. »Regel Nummer Eins: Nie die Deckung aufgeben.« Er boxte mir leicht gegen die Schulter. Es sollte ein spielerischer Schlag sein, doch der Schmerz in meiner Narbe durchzuckte mich wie Elektrizität.
Ich blickte ihn wütend an.
»Jetzt wirst du langsam sauer«, bemerkte Daniel. Das schiefe Lächeln spielte auf seinen Lippen.
»Meinst du wirklich?« Ich ließ eine weitere Kombination folgen. Drei Gerade und einen Haken in Richtung seiner Boxhandschuhe. Ich spürte einen Kraftschub in meinem Körper – endlich – und der letzte Stoß kam schneller und härter als erwartet. Daniel verlor seine Deckung, und meine Faust rammte gegen seine Schulter.
»Whoa!« Er wich zurück und lockerte seine Schultern. »Zügel deine Kräfte, Grace. Lass nicht deine Gefühle die Oberhand gewinnen.«
»Warum versuchst du dann, mich wütend zu machen?«
Sein schiefes Grinsen nahm einen verschlagenen Zug an. »Damit du deine Balance trainieren kannst.« Er knallte seine Handschuhe gegeneinander und machte mir ein Zeichen, ihn erneut anzugreifen.
Ich spürte, wie mich meine Kräfte durchströmten – endlich unter meiner Kontrolle. Ich lachte und tänzelte ein paar Meter zurück. »Wie findest du diese Balance?«, fragte ich lächelnd, und schneller als ich auch nur denken konnte, wirbelte mein Körper herum und landete einen direkten Schlag gegen Daniels ausgestreckten Handschuh.
Daniel stöhnte und stolperte nach hinten. Seine Knie schwankten und gaben unter ihm nach, und er taumelte rückwärts zu Boden.
»Oh, nein!« Ich fasste nach ihm und ergriff seinen Arm. Doch ich konnte nicht mehr verhindern, dass er hinfiel, und stürzte mit ihm zusammen auf den Rasen.
Seite an Seite landeten wir im Gras. Ich war sofort wie betäubt – der Sturz hatte mir die Luft genommen; meine Kräfte hatten mich verlassen. Daniel rollte auf die Seite und stöhnte. Erschrocken wurde ich mir wieder der Realität bewusst.
»Oh, nein. Tut mir leid!« Ich setzte mich auf. »Das hab ich nicht gewollt. Meine Kräften waren plötzlich da und ich … Alles in Ordnung?«
Daniels Stöhnen verwandelte sich in ein halbes Lachen. »Diese Art von Balance hab ich nicht gemeint.« Er zuckte zusammen, zog seine Boxhandschuhe ab und warf sie zur Seite.
»Im Ernst, bist du okay?«
»Jep.« Daniel beugte sich vor und massierte seine Knie. Sie hatten ordentlich was abbekommen, als er vor knapp zehn Monaten von der Galerie der Pfarrkirche gestürzt war. Und da ich ihn gleich nach dem Sturz vom Fluch des Werwolfs geheilt hatte, waren seine übermenschlichen Kräfte verloren gegangen. Und jetzt musste er wie jeder normale Mensch abwarten, bis seine Wunden verheilten. Obwohl er mehrere Wochen auf Krücken gegangen war und sich einer Physiotherapie unterzogen hatte, machten seine Knie noch immer große Probleme. »Einen Krüppel schlagen. Was würde wohl dein Vater dazu sagen?«
»Ha-ha.« Ich schnitt eine Grimasse.
»Aber mal ganz im Ernst. Du wirst besser.« Er stöhnte wieder, legte sich ins Gras zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
»Nicht gut genug.«
Ich brauchte fast eine Stunde intensiven Trainings, bevor meine Kräfte auch nur ansatzweise spürbar waren, und wenn sie dann einsetzten, hielten sie bloß, wie lange, vielleicht dreißig Sekunden an? Das war der Haken an meinen Fähigkeiten. Sie setzten schubweise ein – wann immer sie es wollten – und lagen völlig außerhalb meiner Kontrolle. Meine Verletzungen heilten schneller, als es bei normalen Sterblichen der Fall war, doch noch immer konnte ich diese Kräfte nicht einfach aus mir herausholen, so wie Daniel früher. Ich konnte mich nicht aus eigenem Willen heilen. Kraft und Wendigkeit brachen urplötzlich aus, als hätte mein Körper ein eigenes Bewusstsein – so wie gerade eben, als ich Daniel geschlagen hatte –; normalerweise konnte ich nicht steuern, wann es passierte.
Nachdem Daniels Arzt ihm wieder Bewegung erlaubt hatte, begannen wir dreimal pro Woche mit dem Training – allerdings nur, wenn ich nicht gerade Hausarrest hatte. Wir fingen an zu joggen, probierten Hindernisläufe, boxten mit Handschuhen so wie heute, und übten, über lange Distanzen zu sehen und zu hören. Doch obwohl ich deutlich schneller und stärker war als noch vor ein paar Monaten, schien es mir langsam so, als würde ich niemals in der Lage sein – egal, wie sehr ich es auch versuchte – meine Kräfte so anzuwenden, wie ich es wollte. Stattdessen kontrollierten sie mich.
Daniel seufzte. Er zeigte auf den Himmel. »Sieht so aus, als ob wir gerade rechtzeitig aufhören. Der Meteoritenschauer setzt ein.«
Ich blickte auf und sah eine Sternschnuppe über uns durch die dunkle, klare Nacht zischen. »Oh, ja. Das hab ich fast vergessen.«
Daniel und ich hatten geplant, nach unserem heutigen Training den Meteoritenschauer zu verfolgen. Für ein wissenschaftliches Schulprojekt, das unsere Noten verbessern würde, sollten wir zählen, wie viele Sternschnuppen wir innerhalb von dreißig Minuten entdecken konnten.
Wie ich wusste, ärgerte sich Daniel über Direktor Conway, weil der nicht mal erwogen hatte, ihn für die Abschlussprüfung im letzten Jahr zuzulassen – in den Jahren, in denen Daniel versucht hatte, diesem Fluch zu entkommen, der jeden seiner Gedanken beherrschte, hatte er einfach zu viel Unterricht verpasst. Ich hingegen war froh, dass er noch nicht zum College aufgebrochen war. Mithilfe seines Sommerunterrichts, ein paar übernommenen Zusatzaufgaben und einigen Testläufen in verschiedenen Klassen würden wir im nächsten Frühjahr gemeinsam den Abschluss machen können.
»Ich mach das Licht aus«, sagte ich, nachdem ich meine Handschuhe ausgezogen hatte. Ich streckte die Finger und dehnte meinen schmerzenden Knöchel, während ich quer über den Hof von Maryanne Dukes altem Haus lief. Dann knipste ich das Verandalicht aus, schnappte mir mein Kapuzenshirt und lief zurück zum Rasen. Ich legte mir das Sweatshirt wie eine Decke über die Brust, nahm einen tiefen Atemzug von der herbstlichen Luft und ließ mich auf dem kühlen Gras neben Daniel nieder.
»Das war die sechste«, sagte ich nach einem langen Augenblick.
Daniel grunzte zustimmend.
»Wow! Hast du die gesehen?« Ich zeigte auf eine besonders helle Sternschnuppe, die funkelnd über den Himmel zog, bevor sie sich im Nichts verlor.
»Ja«, sagte Daniel leise. »Wunderschön.«
Ich blickte zu ihm. Er lag auf der Seite und sah mich an.
»Du hast ja gar nicht richtig hingeguckt«, neckte ich ihn.
»Doch, hab ich.« Daniel lächelte mich auf seine typisch spitzbübische Art an. »Sie hat sich in deinen Augen gespiegelt.« Er streckte die Hand aus und fuhr mit den Fingern über meine Wange. »Eins der schönsten Dinge, die ich je gesehen habe.« Er legte mir einen Finger unter das Kinn und zog mein Gesicht näher zu sich heran.
Ich wandte den Blick von seinen tiefen, dunkelbraunen Augen ab, betrachtete die Rundung seiner Muskeln unter dem dünnen Laufshirt, das er für unser Training angezogen hatte. Dann sah ich zu seinem zottigen Haar, das über den Sommer einen hübschen, goldblonden Ton angenommen hatte – die dunkle Farbe hatte sich schließlich ausgewaschen. Ich betrachtete die Linie seines Kinns und ließ meinen Blick schließlich auf der Wölbung seines lächelnden Munds ruhen. Es war nicht mehr das spöttische Grinsen, sondern ein Lächeln, das er sich für Momente wie diesen aufsparte – und das bedeutete, dass er wirklich glücklich war.
Er war noch immer erhitzt von unserem Boxkampf, und ich konnte spüren, wie nur ein paar Zentimeter neben mir die Wärme von seinem Körper abstrahlte. Mich zu ihm zog. Mich die kleine Lücke zwischen uns schließen lassen wollte. Ich sah wieder in seine Augen, liebte dieses Gefühl, dass ich mich auf ewig in ihnen verlieren könnte.
In Augenblicken wie diesem konnte ich manchmal kaum glauben, dass er überhaupt hier war.
Dass er noch lebte.
Dass er mir gehörte.
Ich hatte ihn einmal sterben sehen. Ihn in meinen Armen gehalten und seinem Herzschlag gelauscht, bis er verklungen war.
Es war in der Nacht geschehen, in der mein Bruder Jude dem Fluch des Werwolfs erlegen war – nur Tage, bevor er eine Nachricht auf dem Küchentisch hinterlassen hatte, in den Schneesturm hinausgegangen war und verschwand. In derselben Nacht, in der mich Jude mit den Kräften infizierte, die mich jetzt verhöhnten.
Der Nacht, in der ich fast alles verloren hatte.
»Da ist noch eine.« Daniel lehnte sich vor und küsste mich sanft neben meinem Auge. Er führte seine Lippen über meine Wange und mein Kinn; seine köstliche Berührung durchströmte meinen ganzen Körper wie ein Kribbeln.
Daniels Lippen trafen auf meinen Mund. Erst eine leichte Berührung, dann ein sanfter Druck. Dann öffneten seine Lippen sich und verschmolzen mit meinen.
Meine Beine taten weh, als ich ihn zu mir heranzog – und schließlich die kleine Lücke zwischen uns schloss.
Es war mir egal, dass wir uns auf dem Hof hinter Maryanne Dukes altem Haus befanden. Es war mir egal, dass wir eigentlich die Sternschnuppen für den Unterricht zählen sollten. Außer seiner Berührung existierte nichts anderes. Unter den fallenden Sternen gab es nur Daniel und mich und das Bett aus Gras unter uns.
Daniel wich plötzlich ein Stückchen zurück. »Bei dir summt’s«, flüsterte er.
»Häh?«, fragte ich und küsste ihn.
Er rückte von mir ab. »Ich glaube, das ist dein Handy.«
Jetzt bemerkte ich es auch. Das Handy in der Tasche meines Sweatshirts.
»Na, und?« Spielerisch fasste ich nach seinem T-Shirt und zog ihn wieder an mich. »Die können ja ‘ne Nachricht hinterlassen.«
»Es könnte deine Mom sein«, mahnte Daniel. »Ich hab dich gerade erst wieder. Ich möchte nicht wieder für zwei Wochen ohne dich sein.«
»Verdammter Mist.«
Daniel grinste. Er fand es immer wahnsinnig komisch, wenn ich fluchte. Aber er hatte recht – zumindest was meine Mom anbetraf. Seitdem Jude gegangen war, gab es bei ihr nur zwei Betriebsformen: Zombie Queen und durchgeknallte Mama Bär. Ihr höchstpersönliches Modell einer bipolaren Störung.
Ich war heute Abend aufgebrochen, bevor sie von Tante Carols Verabschiedung am Bahnhof zurückgekommen war. Daher wusste ich nicht, in welchem Modus sie sich gerade befand. Doch wenn es der superstrenge war, könnte sie mich womöglich wieder zu Hausarrest verdonnern, wenn ich beim zweiten Klingeln nicht ans Handy ging.
Ich setzte mich auf und kramte in der Tasche meines Kapuzenshirts. Doch es war schon zu viel Zeit vergangen, und der Anrufer hatte aufgelegt, bevor ich das Handy endlich fand.
»Verflucht.« Es war völlig unmöglich, Daniel weitere zwei Wochen nur in der Schule zu sehen. Ich klappte das Handy auf, um die entgangenen Anrufe zu überprüfen, und hoffte im Stillen, dass es nicht meine Mutter gewesen war. Was ich jedoch entdeckte, verwirrte mich. »Wo ist dein Handy?«, fragte ich Daniel.
»Ich hab’s drinnen gelassen. Auf meinem Bett«. Daniel gähnte. »Wieso?«
Ich starrte weiter auf das Display meines Handys und stand auf. Eine dunkle Vorahnung kroch in mir hoch. Die Haare in meinem Nacken richteten sich auf, und meine Muskeln verspannten sich so, wie sie es immer taten, wenn mein Körper Gefahr witterte. Das Telefon in meiner Hand fing wieder an zu klingeln. Ich ließ es fast fallen.
»Wer ruft dich denn an?«
»Du.«
Ich fummelte an dem Handy herum und ließ es fast wieder herunterpurzeln. Dann drückte ich auf den Annahmeknopf. »Hallo?«, fragte ich vorsichtig, als ich das Handy ans Ohr führte.
Stille.
Ich sah wieder auf das Display, um mich zu vergewissern, dass ich den Anruf auch angenommen oder nicht versehentlich den falschen Knopf gedrückt hatte. Ich brachte das Telefon wieder an mein Ohr. »Äh, hallo?«
Immer noch nichts. Ich sah zu Daniel und zuckte mit den Achseln. »Muss wohl irgendeine Fehlschaltung sein.« Ich wollte gerade auflegen, als ich etwas in der Leitung hörte. Es hörte sich fast wie eine Hand an, die den Hörer bedeckte.
»Hallo?« Meine Haut kribbelte. Auf meinen Armen hatte sich Gänsehaut gebildet. »Wer ist da?«
»Sie sind hinter dir her«, flüsterte eine gedämpfte Stimme. »Du bist in Gefahr. Ihr seid alle in Gefahr. Du kannst sie nicht aufhalten.«
»Wer ist denn da?«, fragte ich. Ähnlich der Spannung in meinen Muskeln wurde meine Panik größer. »Wie kommen Sie an Daniels Telefon?«
»Vertrau ihm nicht«, sagte die Stimme zitternd. »Er lässt dich glauben, dass du ihm vertrauen kannst, aber das darfst du nicht.«
Daniel fasste nach dem Handy, doch ich entzog mich ihm.
»Wovon reden Sie überhaupt?«, fragte ich.
»Du kannst ihm nicht vertrauen.« Die Stimme schien plötzlich deutlicher – als ob sich die Hand nicht mehr über dem Hörer befand – und ihre Vertrautheit ließ mir fast das Herz stehen bleiben. »Bitte, Gracie, glaub mir dieses Mal. Ihr seid alle in Gefahr. Du musst wissen, dass …« Die Stimme erstarb mit einem klappernden Geräusch, so als hätte jemand das Telefon fallen gelassen. Dann war die Leitung tot.
»Jude!«, schrie ich in mein Handy.
Bree Despain
Urbat. Der verlorene Bruder
Roman
Aus dem Amerikanischen von Andreas Brunstermann
480 Seiten. Gebunden.
ISBN 973-3-351-04141-0
€ 16,99
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